Dr KarinRasmussen

Der große Schaden von “kleinen” Märchen

Hören oder lesen Sie auch gern Geschichten? Erzählen Sie vielleicht sogar selbst gern welche?
Im Marketing werden vor allem Berater, Coaches und Einzelunternehmer permanent aufgefordert, mittels Storytelling auf sich aufmerksam zu machen und so das Vertrauen Ihrer Kunden zu gewinnen. Naja, manchmal klappt das. Aber meistens bekomme ich ganz unangenehme Gefühle, wenn ich diese “Storys” im Video höre oder in den sozialen Medien lese. Sie folgen nämlich nahezu immer einem von zwei Schemata

Erstes Schema: Die Heldengeschichte!

Jemand selbst oder ein nahestehender anderer Mensch ist in Schwierigkeiten geraten und hat sich durch anstrengende Kämpfe daraus wieder befreit. Gelungen ist das, weil man die “Komfortzone” verlassen hat oder weil (meist die Autoren solcher Storys) jemand geholfen hat. Das ist die Heldentat. Problem erkannt, Problem gelöst, Beifall – denn alle anderen bleiben ja dort stecken, wo sie gerade sind und können deshalb nicht zu Helden werden.

Zweites Schema: Die Opfergeschichte!

Es gibt ein Problem, je größer umso besser. Daran ist jemand / sind andere Schuld! Und wenn die Schuldigen ihr Verhalten nicht ändern, müssen einzelne oder viele Menschen leiden, manchmal ganz schrecklich. Vielleicht sogar die ganze Menschheit oder unser schöner Planet.

Ob Sie es glauben oder nicht: Jeder Machtmissbrauch beginnt mit einer dieser zwei Arten von Story! Denn Heldengeschichten ebenso wie Opfergeschichten folgen der gleichen Ideologie, dem Wettbewerbsdenken.
Was ich damit meine? Nun, bitte gehen Sie in sich und fragen Sie sich, warum Sie mit sich unzufrieden sind. Welches konkrete Ziel verbinden Sie mit der Vorstellung, dass “man immer noch besser werden kann”? Welche “Verbesserung” erwarten Sie zum Beispiel von den Mitarbeitern, die Ihnen als Führungskraft anvertraut sind, oder von sich selbst? Und woran (das ist die entscheidende Frage) werden Sie merken, dass es “besser” geworden ist?
Genau, Sie werden vergleichen und anhand des Vergleichs bewerten. Entweder werden Sie finden, dass eine Schwierigkeit überwunden werden soll oder Schaden und damit Leiden sollen beendet werden. Es wäre also besser als vorher! Und damit, dass dies gelingt, wären diejenigen, denen es gelingt “die Besseren”. Das erscheint uns völlig logisch und klar.

Wir sind so routiniert im Bewerten, weil wir es seit Kindertagen gewohnt sind. Wir sind ja selbst ständig bewertet und angespornt worden mit dieser Art von Geschichten. Wenn wir etwas NICHT gut hinbekommen, dann wird etwas Schreckliches passieren. Wir müssen deshalb den Vorbildern (Helden) folgen, die das können. Oder wir werden von denen, die es NICHT gut mit uns meinen und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, schrecklich bestraft mit einer deutlichen Verschlechterung unserer Lebensumstände.

Vielleicht erinnern Sie sich gerade an Geschichten, die Sie selbst mehr als einmal gehört und deshalb auch geglaubt haben? Vom drohenden sozialen Abstieg, wenn Ihre Schulnoten nicht besser werden. Vom Verlust des Arbeitsplatzes, wenn Sie auch im nächsten Quartal nicht die geforderten Ergebnisse bringen. Oder von der Schande, eine Prüfung nicht zu bestehen und vor aller Welt blamiert zu sein. Und doch sind es Märchen!

Prüfen Sie mal Ihre eigenen Vorbild- Muster! Sind dies Menschen, die schon erreicht haben, was Sie noch erreichen wollen? Strengen Sie sich an, um diesen Vorbildern zu folgen? Fühlen Sie sich schlecht, wenn Ihnen das nicht gelingt? Oder empfinden Sie genau das Gegenteil: heimliche Befriedigung, wenn sich diese Vorbilder als ganz normale Menschen mit Schwächen und Fehlern herausstellen?

Ich verfolge nur noch sehr ungern die aktuellen Nachrichten in den öffentlichen Medien. Da werden uns Geschichten präsentiert, die entweder von Helden oder Schurken, also dementsprechend von Problemen oder Opfern handeln. Man könnte den Eindruck gewinnen, das wären zwei verschiedene Menschenrassen aus entgegengesetzten Lebensräumen. Man müsste sich nur bemühen, zu den “Richtigen” zu gehören. Der Wettbewerb tobt überall um uns herum – manchmal als Werbeschlacht, dann wieder als Fernseh-Kochshow oder als heißer Krieg. Gewinner und Verlierer sind die tägliche Statistik, Opferzahlen und zerstörte Karrieren sind ebenso alltäglich wie strahlende Sieger, die den Rest der Menschheit wie Versager oder Verlierer aussehen lassen.

Da “befreit” Elon Musk Twitter für 44 Milliarden Dollar wovon? Discounter erhöhen Lebensmittelpreise “vorsorglich” – wen trifft das? Hat Deutschland nun genug Waffen für die eigene Sicherheit oder nicht? Ist Corona jetzt noch gefährlich oder erst wieder im Herbst? Und ist der Planet noch zu retten oder ist es ohnehin zu spät? Hat Elon Musk die Erde schon aufgegeben und will deshalb so schnell wie möglich auf den Mars?

Wir werden täglich mit der Story konfrontiert, es gäbe eine richtige Wahrheit, eine gerechte Welt. Sie müsste sich nur überall durchsetzen. Wenn die Guten immer siegen würden, gäbe es keine Bösen mehr. Und wenn die Faulen und egoistischen endlich dem Vorbild der Fleißigen und Anständigen folgen würden, wäre die Welt in Ordnung. Märchen über Märchen. Und täglich erleben wir, dass genau das NICHT passiert. Warum eigentlich nicht?

O.K. was gut und was richtig ist, sehen Menschen verschieden. Das wird wahrscheinlich immer so sein. Aber müssen wir uns deshalb gegenseitig bekämpfen? Müssen wir Menschen denn andere Menschen vernichten, weil sie uns zu wenig wert sind? Ich denke an die vielen humanen und materiellen Ressourcen, die in sinnlosen Wettbewerben verbrannt werden. Damit meine ich nicht nur die ganz besonders schrecklichen Folgen von Kriegen, die ohnehin zwar vielleicht Sieger, aber nie Gewinner haben, sondern immer Verlierer in vielen Nationen über viele Generationen erzeugen. Ich denke auch an die Werbe-Milliarden, die weltweit in Wirtschafts-Wettbewerben ausgegeben werden. Mir fallen die Überproduktions- Halden von Textilien und Autos und vielen anderen Produkten ein, die nur wegen des Wettbewerbs um die führende Marktposition erzeugt werden. Mich macht der Raubbau an unserem Planeten wütend, der zu Artensterben und Klimakatastrophe führt.

Ich wünsche mir eine neue, ganz andere Geschichte – für uns alle.
Die Geschichte von der Kooperation der Menschen ohne Heldenmythos, die Geschichte vom Ende des Wettbewerbs. Das ist eine Geschichte, in der es keine Feindbilder gibt, weil kein Mensch sie braucht. Wir haben ja schon alle Säbelzahntiger, Mammute und Saurier überlebt. Wir können doch längst anfangen, friedlich zusammen zu arbeiten und gemeinsam die immer wieder von allein entstehenden Aufgaben zu lösen. Die Aufgaben, vor die uns Demografie, Ökologie, Naturkatastrophen und Klimawandel stellen, die sich aus der Evolution und der Expansion des Universums ergeben. Die Aufgaben, für die die Menschheit als Ganzes gebraucht wird. Und die sie als erstes bewältigen muss, um die Fehler der bisherigen Geschichte endlich wieder zu korrigieren.

Diese Geschichte werde ich von nun an immer wieder erzählen. So oft und in so vielen Varianten, wie ich Beispiele dafür finde. Denn sie begegnet mir schon hin und wieder. Mit meinen Kunden, im Freundeskreis, auf Reisen. Wenn Sie auch Beispiele für erfolgreiche, wettbewerbsfreie Zusammenarbeit von Menschen kennen, erzählen Sie darüber – mir und gern auch mit mir gemeinsam. Ich lade Sie ein, in meinem Blog, in Interviews oder in meinem Newsletter “Neues von der Coach” von der Macht der friedlichen Kooperation zu berichten.

Diesen Beitrag teilen

Facebook
Twitter
Pinterest

Auch interessant

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.