Der Umgang mit Macht - Dr. Karin Rasmussen

Denk ich an Deutschland in der Nacht

... dann frage ich mich, wozu wir ständig Feindbilder brauchen? Alte und Neue? Können wir damit die Angst besiegen, die seit Urzeiten in uns steckt? Oder müssen wir uns selbst davon überzeugen, dass wir Gründe haben, diese Angst zu pflegen?

Vorsicht: Triggerwarnung!

Es folgt eine ernst gemeinte Frage, die Euch möglicherweise gegen mich aufbringt. Diese Frage sollt Ihr nicht mir beantworten, sondern Euch. Aber natürlich müsst Ihr nicht weiterlesen.

Stellt Euch mal vor, Putin “erobert” die von ihm zerbombten Ruinen in der Ukraine, macht die jetzt noch dort verbliebenen Alten, Kranken, Kinder und Kriegsveteranen zu seinen Untertanen und verteilt den Rest des Landes als Belohnung an die Oligarchen, die ihm seinen Krieg bezahlt haben und eine Reihe abenteuerlustiger Russen, die seit mehreren Generationen zurück in die Kiewer Rus wollen, da ja die Ukraine die historische Geburtsregion des russischen Reiches ist und deshalb sowieso den Russen “gehört”. Was passiert? Ihr dürft natürlich je nach politischer Orientierung in Gedanken Partei ergreifen für die eine oder die andere oder Eure Lieblings-Dritte Seite (z.B. EU oder NATO oder ASEAN oder … Was passiert?

Gegen wen wollt Ihr sein?

Wer muss Eurer Meinung nach “besiegt” werden? Für welchen Sieg wäret Ihr bereit, nicht nur Euer eigenes Leben, sondern auch das von anderen zu opfern? Und wenn Ihr Sieger werdet, was tut Ihr dann? Von diesen Fragen werde ich neuerdings wieder um den Schlaf gebracht. Und wie Heine kann ich “nicht mehr die Augen schließen und meine heißen Tränen fließen” (Nachtgedanken, Heinrich Heine (1797-1856)). In Heines Gedicht geht es mehr um die Sehnsucht nach seiner Mutter als um seine Liebe zur “Heimat”.

Ich bin so alt wie Putin.

Und ich erinnere mich, dass meine Mutter Zeit ihres Lebens blass wurde, zusammenzuckte und in eine Sekunden-Starre fiel, wenn sie eine Sirene, das Signal eines Rettungswagens oder das Wort Krieg hörte. Möglicherweise ging es Putins Mutter genauso. Als ich geboren wurde, war meine Mutter 26 und der 2. Weltkrieg lag 7 Jahre “hinter ihr”.

Nein, er war IN ihr. Bis zu ihrem Tod. Und sie hat mir eine heftige Portion ihrer Angst mitgegeben. Deshalb war ich bis 1992 froh, in Europa zu leben und dankbar um jedes Jahr, in dem es keinen Krieg in Europa gab. Obwohl der Kalte Krieg mir jeden Tag und jede Nacht eine andere Art von Angst gemacht hat. Denn der Krieg war nicht weg. Ich habe nie an die friedenschaffende Logik der nuklearen Abschreckung geglaubt.

Das konnte ich nicht. Denn die Szenarien der totalen Vernichtung nicht nur meiner Welt und die “dagegen” helfenden Sicherheitsübungen in der Grundschule (bei dem Atomangriff-Sirenenton ganz schnell Schutz suchen unter der Schulbank bzw. neben der Bordsteinkante) oder die Friedensmärsche der 70er und 80 Jahre passten einfach nicht zusammen. Wie wenig die Angst vor “den anderen” im Nachkriegseuropa gesunken war, wurde mir erst 1992 klar, als der Krieg wieder in Europa ankam. Meine zarte Hoffnung auf eine zukünftig waffenfreie Annäherung ehemaliger Gegner hatte mit der schmerzhaften, aber friedlichen Deutschen Vereinigung 1990 gerade erst angefangen zu keimen, und schon wurde sie durch den Bosnienkrieg zerstört. Seitdem ist die Angst meiner Mutter in mir weiter gewachsen.

Ich möchte NICHT, dass irgendwer zu meinem Schutz sein Leben geben muss. Ich will NICHT zu einer “siegreichen Nation” gehören, die von anderen verachtet wird und ständig Rache fürchten muss. Und ich mag NICHT anderen die Freiheit nehmen, nach ihren Traditionen zu leben. Noch ist unser Planet groß genug für alle Nationen und der menschliche Geist hat ausreichend Fortschritte gemacht, um endlich Frieden für alle zu schaffen mit weniger oder ganz ohne Waffen.

Und bitte erzählt mir nicht, dass “die anderen” das ja nicht begreifen. Wenn Ihr genauer hinschaut, dann werdet ihr merken, dass “die anderen” von Euch dasselbe denken und deshalb genauso Angst vor Euch haben, wie Ihr vor denen. Wir kriegen diese Angst nicht weg, indem wir immer weiter Rache nehmen oder den wenigen folgen, die uns für ihre urzeitlichen Triebe instrumentalisieren. Schaut hin – wir hatten schon angefangen, eine Friedenswelt aufzubauen. Wir haben schon Erfahrungen mit Deeskalation und Entspannungspolitik. Es wurde schon errechnet, dass JEDER Krieg ZU TEUER ist! Zumindest für die meisten. Gewinnen werden immer wieder nur die wenigen. Denen werde ich NICHT folgen. Auch, wenn sie mir dafür mit Gewalt drohen.

Meine Angst wird mich nicht verlassen.

Aber es ist MEINE Angst, der ich mich stellen muss und kann. Mehr “Verteidigung” wird mir diese Angst nicht nehmen, denn sie führt in die Irre, weil sie für andere Gefahr, Zerstörung oder Vernichtung bedeutet. Genau das wird ja deren Angst vergrößern. Was werdet Ihr tun? Welche Feindbilder lasst Ihr zu, welche lasst Ihr los? Und glaubt nicht, dass es “nur” um Krieg geht. Putin ist auch nur ein einzelner Mensch – noch dazu ein kleiner! Wie alle Despoten braucht er Helfer für das, was Angst macht. Auf die kommt es an. Auf die Angst UND auf die Helfer. Denn die helfen fast immer auch eher aus Angst, denn aus Überzeugung.

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