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Das hat mir die Sprache verschlagen

NOCH EIN PODCAST FÜR ALLE, DIE (MEHR) HÖREN WOLLEN
27. August 2019

Im wahrsten Sinne des Wortes – ich war sprachlos! Wer mich kennt, weiß dass mir das selten passiert. Aber hin und wieder kommt es vor, dass mir vor Überraschung tatsächlich die Worte fehlen. Das sind so Situationen, in denen meine Emotionen stärker sind als mein Verstand. Schneller sind Emotionen ja ohnehin. Denn unser Verstand benötigt etwas mehr Zeit, um Eindrücke oder Informationen zu verarbeiten. Unser limbisches System aber reagiert sofort und liefert uns Emotionen. Die sind von außen nicht immer gleich zu sehen – deshalb weiß unser Gegenüber erst mal gar nicht, was mit uns los ist. Aber in uns „tobt“ vielleicht eine ganze Portion widersprüchlichster Empfindungen. Und die dann immer auszusprechen ist wahrscheinlich nicht sehr klug. Ganz abgesehen davon, ob uns selber gleich klar ist, was wir eigentlich empfinden. Wie gesagt – ich war erst mal sprachlos.

Was war eigentlich passiert?

Ich hatte zufällig innerhalb weniger Tage mehrere Gespräche gehabt, in denen ich nach meiner Tätigkeit gefragt wurde. Und weil ich meinen sogenannten Elevator-Pitch mittlerweile gut drauf habe, hatte ich immer die gleiche Antwort gegeben: „Ich erarbeite zusammen mit meinen Klienten Strategien für den Umgang mit der Macht und gegen Machtmissbrauch“. Bisher wurde dann meist nachgefragt, wer meine Klienten sind und wie sie mich finden. Es kam also ein Gespräch zustande – und das ist ja der Sinn dieser Kurzfassung. Je nach Interesse der Gesprächspartner kann ich dann nämlich genauer erklären, wie das bei mir so läuft.

Doch dieses Mal bekam ich gleich mehrmals hintereinander keine Fragen gestellt, sondern Ratschläge erteilt. Ich sollte nicht von Macht sprechen, denn Macht wäre was Negatives. Oder: es wäre doch besser, von der Persönlichkeitsentwicklung für Führungskräfte zu sprechen, denn die hätten das bitter nötig. OK. das kann man so sehen, wenn man es so sehen will. Aber was mir die Worte raubte war die Aussage, dass Leute mit Macht ja eigentlich immer Psychopathen sind.

Normale (?) Menschen würden ja gar keine Macht brauchen. Wer ehrlich und anständig sei, würde auch niemals Macht haben wollen. Und man könne es ja überall sehen: Macht verderbe den Charakter und mache aus normalen Menschen wie Du und ich irgendwann eine Mischung aus Größenwahn und Kriminalität.

Uff!!! …

Seitdem beschäftigt mich die Frage, wie viele Menschen wohl genau so denken? Werden Führungskräfte als machtlose normale Menschen gesehen, die ja auch nur ihre Arbeit machen müssen? Oder traut man ihnen wenigstens eine gewisse Macht zu, Prozesse und Menschen zu beeinflussen? Und werden sie genau deshalb mit Argwohn und Misstrauen betrachtet, um rechtzeitig zu bemerken, wie „verrückt“ sie schon sind? Wo ist die Grenze zwischen denen, die sich selbst als machtlos empfinden und denen, die sich ihrer eigenen Macht bewusst sind? Wie viel Macht haben andere in unserer Vorstellung? Und wie kommen die an die Macht?

Aber die allerwichtigste Frage in meiner Tätigkeit ist ja genau das Gegenteil: Wie gehen meine Klienten mit ihrer eigenen Macht um? Denn für mich ist es eine erwiesene Tatsache, dass jeder von uns Macht hat, ganz unabhängig von Funktion und Position. Die Macht, andere zu beeinflussen. Die Macht, das eigene Leben zu gestalten. Die Macht, Beziehungen aufzubauen oder zu lösen. Und vor allem die Macht, die eigene Entwicklung zu bestimmen.

Deshalb geht es bei meinen Speaker- und Coaching- Aufträgen um die Macht. Ich werde dieses Wort nicht ersetzen. Angebote zur Selbstoptimierung gibt es unzählige – von der gesunden Lebensweise über die Traumfigur zur Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung bis zum „Herzens-Business“. Auch Führungskräfte-Trainings werden massenhaft zu verschiedensten Themen angeboten. Über Macht spricht dabei niemand. Und über Machtmissbrauch spricht man erst, wenn es zu spät ist – nämlich hinterher, wenn er schon stattgefunden hat. Dabei wäre er meistens vermeidbar – wenn jeder sich der eigenen Macht bewusst wäre und sinnvoll damit umgehen könnte. Vielleicht ist das für manche unangenehm. Aber es lohnt sich, über die eigene Macht nachzudenken. Auch für diejenigen, die sich für völlig machtlos halten. Ich bin dabei gern behilflich.

Denn es geht IMMER um die Macht!

4 Comments

  1. Das ist der neuralgische Punkt: Macht wird so oft viel zu eng nur in der Negativkonnotation gesehen und verstärkend nur in der puren Interaktion des Unterdrückens anderer. Dabei gibt es so viele Facetten von Macht, auch die Macht des Wortes beispielsweise, die Macht des Gestaltens – und hier zeigt sich besonders deutlich, dass Macht nicht eine unisono Ausrichtung ist, sondern in einem Spannungsfeld agiert zwischen den positiven und den negativen Assoziationen und Auswirkungen von Macht. Das machtvolle Wort kann Böses anrichten – in demagogischen, verhetzenden Formen etwa – es kann aber genauso Menschen zum Nachdenken inspirieren, Freudvolles und Positives sichtbar machen. Spielräume des Gestaltens lassen sich ebenfalls in der dunklen und in der hellen Seite ausloten. Und alle diese Facetten zeigen sich in einer Führungsrolle besonders deutlich.

    • Karin Rasmussen sagt:

      Danke, Katharina Daniels, Macht ist tatsächlich sehr vielfältig und sehr komplex. Aber es gibt auch vielfältige Gründe, warum wir Macht nicht mögen SOLLEN! Denn wenn jeder sich seiner eigenen Macht bewusst wäre, diese auch mögen und sinnvoll nutzen, also Verantwortung für sich selbst übernehmen würde, dann käme dies einer massiven Einschränkung der scheinbar Mächtigen gleich. Daran können diese kein Interesse haben. Denn sie spüren ohnehin, dass ihre eigentliche Macht nur in den Köpfen derer vorhanden ist, welche sich machtlos FÜHLEN.

  2. Spannender Blogartikel, Karin. Ich gebe zu: Früher hatte ich ein eher negatives Verhältnis zum Thema Macht, doch heute sehe ich das ähnlich wie du. Macht ist für mich die Fähigkeit, wirksam zu sein. Heißt: Mit anderen etwas gestalten, Menschen für gemeinsame Ziele begeistern, gemeinsam Lösungswege finden … Deshalb sage ich heute ganz klar Ja zu „Macht mit Menschen“. Bei Machtmissbrauch dagegen wird „Macht über Menschen“ ausgeübt (Manipulation, Zwang). Und den Knackpunkt hast du ja auch genannt: Wieviel Macht billigen wir uns selbst zu? Wieviel Selbstverantwortung und Verantwortung sind wir bereit zu übernehmen? Für die neue Arbeitswelt in der digitalen Transformation ist das eine Kernfrage, die alle angeht. Nicht nur die Führungskräfte. Und auch außerhalb der Arbeit tut es gut, wenn wir uns selbst „ermächtigen“. Denn die Überzeugung „Andere haben die Macht über mein Leben“ ist eine Anleitung zum Unglücklichsein. Danke!

    • Danke, Christine, da sind wir einer Meinung. Andererseits ist es in vielen Situationen durchaus gut, nicht alleine zu sein mit der Verantwortung – denn da wir uns alle gegenseitig beeinflussen, haben wir de-facto auch Macht ÜBER Menschen. Und diese Macht bewusst und verantwortungsbewusst zu nutzen, kann man lernen. Allerdings muss man sie dazu erst mal kennen. Denn diese Macht ist unabhängig von Position und Funktion. Sie besteht in unserer Ausstrahlung. Und noch ein Gedanke: Macht über Menschen ist beileibe nicht immer Machtmissbrauch! Eher umgekehrt: Machtmissbrauch funktioniert nur durch den Machtverzicht derer, die sich ihm unterwerfen. Natürlich ist Angst dabei der wichtigste Faktor. Angst kann jeder von uns erzeugen, viele tun es leider auch, ganz unbewusst. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

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