Bei uns gibt es keinen Machtmissbrauch! Und wenn doch ... ? Dr. Karin Rasmussen

Bei uns gibt es keinen Machtmissbrauch!
Und wenn doch … ?

Warum Missbrauchs-Skandale immer wieder möglich gemacht werden

Da gibt es so etwas wie eine never ending Story: Tönnies, Wirecard, Volkswagen – es scheint, dass Wirtschaft und Skandal irgendwie untrennbar sind. Ja, das ist auch nicht nur in der Wirtschaft so. In Wissenschaft, Politik, Kultur und Kirche fallen ebenfalls regelmäßig hochrangige Persönlichkeiten durch mehr als unethisches Verhalten auf. Doch sind das wirklich einfach nur miese Charaktere?

Der Teufelskreis: Firmen und große Organisationen haben kein Problem mit Fällen von Machtmissbrauch. Denn sie haben ja Rechtsabteilungen und Compliance-Regeln! Warum die wohl notwendig sind? Offenbar wird doch dagegen immer mal wieder auch von Führungskräften verstoßen, bis sie auffliegen. Und dann hat zunächst erstmal keiner was gewusst und keiner hätte es verhindern können, alle haben erst „zu spät“ davon erfahren.

Dabei gibt es immer wieder sehr früh sehr deutliche Anzeichen. Und diese sind bemerkbar, wenn man weiß, worauf es zu achten gilt.

Das allerdings kann man lernen!

Ja, ich bin überzeugt, dass die meisten Führungskräfte nicht mit kriminellen Zielen antreten, wenn sie die ersten Führungsaufgaben übernehmen. Im Gegenteil. Sie sind wahrscheinlich genau wie der Rest der Belegschaft empört über derartige Fälle, sobald sie bekannt werden. Sie haben höchstwahrscheinlich sogar die Absicht, konsequent gegen alle derartigen Versuche vorzugehen, von denen sie Kenntnis erlangen. Auf keinen Fall werden sie sich selbst in derartige Machenschaften verwickeln lassen! Wie kann es dann sein, dass so häufig und so weitgreifend Machtmissbrauch betrieben wird, mit so schwerwiegenden Folgen für die ganze Gesellschaft?

Nun, ich bin gewiss nicht so naiv zu glauben, dass nicht auch unter Führungskräften gelegentlich Menschen mit schlechtem Charakter sein können. 

Doch ist es das allein?

Wir alle kennen so Volksweisheiten wie ,Macht verdirbt den Charakter‘ oder ‚wo gehobelt wird, da fallen Späne‘, ‚wer nicht wagt, der nicht gewinnt‘ und ähnliche. Immer geht es darum, dass man auch ‚mal was riskieren‘ sollte, die ‚Komfortzone verlassen‘ müsse, also sich nicht unbedingt an alle Regeln halten dürfe, wenn man Erfolg haben will.

Die Weisheit, dass ‚Macht korrumpiert‘ mag ich ganz besonders. Wenn es doch so einfach wäre! Doch obwohl diese Ansicht weit verbreitet ist und oft auch in Studien reproduziert wird, gelingt Machtmissbrauch tatsächlich nur Dank der Mitwirkung der weniger Mächtigen! Denn niemand kann und möchte für alles selbst verantwortlich sein – wir geben die Macht sogar ganz gern an andere ab, je schwieriger die Situation wird. Deshalb wird es wohl immer Führungspositionen und auch Führungskräfte geben, die dann über mehr Macht verfügen als andere.

Und jetzt ist es schon seit einem Jahr wieder mal ganz besonders schwierig. Die Folgen der Pandemie haben weltweit die Bedingungen für wirtschaftlichen und politischen Erfolg verändert. Führungskräfte aller Branchen und aller Ebenen sind herausgefordert, nicht nur die Krise zu bewältigen, sondern sie zu nutzen! Welcher Nutzen das sein soll, ist weitestgehend unklar – aber dass der Nutzen größer sein muss als der Schaden, ist unbestritten. Und am besten sollte der eigene Nutzen auch noch größer sein als der Nutzen für andere.

Denn: Jede Krise hat ihre Gewinner!!! Verlierer will ja schließlich keiner sein.

Denken wir nicht alle so: Hauptsache es wird nicht schlimmer, Hauptsache es trifft nicht mich, Hauptsache ich komme heil davon? Bei dieser Betrachtungsweise überfällt mich abgrundtiefe Übelkeit. Denn die Pandemie ist genau genommen nur die Steigerung unseres ganz normalen Alltags! Wie unter einer Lupe werden die Schwachstellen unseres wettbewerbszentrierten Wertesystems sichtbar.

Ist dieser „natürliche“ Egoismus die Voraussetzung dafür, dass andere ihre Macht immer wieder und immer länger ungestört missbrauchen können – und wir am Ende doch alle Betroffene sind? Denn schließlich fordern Missbrauchs-Skandale, die bekannten wie die unbekannten, am Ende immer Opfer. Firmen gehen bankrott, Karrieren werden zerstört, Menschen verlieren ihre Arbeit, ganze Regionen bluten aus, Investitionsruinen beschädigen den Ruf ganzer Wirtschaftszweige und so weiter. Da bleibt niemand ungeschoren, auch wenn der Anteil am Schaden ebenso unterschiedlich ausfällt, wie der Anteil an der Macht – nämlich disproportional: Die Mächtigen erholen sich nämlich meist auffallend schnell, wenn sie mal aufgeflogen sind.

Es könnte sich also lohnen, Machtmissbrauch nicht nur zu bekämpfen, NACHDEM er schon stattgefunden hat, denn auch das kostet schließlich zusätzliche Ressourcen. Die verspätete Frage danach, „wer wann was gewusst“ haben könnte, macht dann auch nichts mehr besser. Viel sinnvoller wäre es doch, viel früher einzugreifen und sofort gegenzusteuern, wenn die ersten Anzeichen von unlauterem Verhalten sichtbar werden.

Doch genau darin besteht das eigentliche Problem mit dem „natürlichen“ Egoismus. Wir haben für die kleinen Tricksereien ziemlich lange Verständnis, manchmal sogar Bewunderung. Wir finden es clever, wenn jemand Situationen zum eigenen Vorteil zu nutzen weiß. Und wir schauen zu, wenn aus dieser Erfahrung unlautere Schlüsse gezogen werden. Wenn es nämlich Nachahmer gibt, wenn der nächste Versuch dreister wird, wenn die Cleverness in kriminelle Energie umschlägt – dann könnte ein Eingreifen oder gar Widerstand für uns selbst schon mit spürbaren Nachteilen und schmerzhaften Folgen verbunden sein. Also haben wir ganz schnell eine Entschuldigung für unsere tatenlose Duldung: Unsere Macht ist viel zu klein, um dem Einhalt zu gebieten. Dafür sind andere zuständig. Deshalb gibt es ja Funktionsträger mit viel mehr Macht!

Stimmt, zuständig sind sie wohl – aber können sie tatsächlich früher eingreifen, eher und stärker gegensteuern?

Und können wir wirklich gar nichts tun?

Ich gebe zu, es ist schwierig. Denn die Anfänge von Machtmissbrauch liegen in der Vergangenheit, sind meist relativ unauffällig, richten vergleichsweise wenig Schaden an und werden genau deshalb nicht ernst genommen. Erst wenn „es schlimmer wird“, fällt es wirklich auf. Allerdings kann man genau an dieser Stelle auch am besten eingreifen. Man muss die Zeichen nur sehen können und richtig deuten.

Doch dafür sind die Zuständigen für Kontrolle und Rechtmäßigkeit meist gar nicht nah genug am Geschehen. Sie können noch gar nicht wissen, was da im Gange ist. Bis wirklich ein Gesetzesverstoß erfolgt oder erkennbar wird, bis die Zuständigen eingreifen können, vergeht also Zeit. Und der Schaden nimmt zu.

Für ein früheres Eingreifen braucht es andere Prozesse und ein spezielles Knowhow. Denn nicht aus jeder kleinen Trickserei wird ein Vergehen oder gar ein Verbrechen. Nicht jedes Cleverchen entwickelt kriminelle Energie und nicht jeder Regelverstoß führt zu skandalösen Missbrauchsfällen. Außerdem wäre es auch für ein produktives Miteinander ausgesprochen hinderlich, wenn wir hinter jedem Abweichen von irgendeiner Regel gleich eine schlimme Tat vermuten würden. Denunziation ist ja aus gutem Grund kein wünschenswertes Verhalten – und auch gar nicht nötig.

Vorbeugung und Hilfe gegen Machtmissbrauch ist auf mindestens zwei Wegen möglich:

Durch transparente Kommunikation als zentralem Bestandteil der Führungskultur und durch Beziehungskompetenz auf allen Führungsebenen.

Wenn Führungskräfte über das notwendige soziale und psychologische Fachwissen verfügen, können sie die subtilen Signale unlauteren Verhaltens rechtzeitig wahrnehmen und schnell mit angemessenen Maßnahmen reagieren – ehe aus ersten Versuchen folgenschwere Fälle von Machtmissbrauch mit zahlreichen Mitwissern und Beteiligten/Mittätern werden. Denn eines ist unvermeidlich: Wer seine Macht missbraucht, weiß was er tut, versucht es zu verbergen und verrät sich durch sein Verhalten sehr früh.

Wer dann wegsieht, macht sich mitschuldig. Wer aber trotz Verantwortlichkeit nichts sehen will oder aus Unwissenheit nichts sehen kann, eben auch. Verspätet die Konsequenzen zu ziehen und „die Verantwortung zu übernehmen“ macht nichts mehr besser. Denn der nächste Machtmissbrauch wird so wieder nicht verhindert.

Wer sich seine Selbstachtung und seinen ehrlichen Charakter auch als Führungskraft bewahren will, hinterfragt deshalb nicht nur seine eigenen Entscheidungen sondern auch den moralischen Charakter seiner Reaktion auf den Machtmissbrauch durch andere. Und holt sich gegebenenfalls bei Experten Rat, bevor die Juristen gebraucht werden.

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